„Du siehst heute aber schlecht aus!“

Es trifft auf meine Ohren: “Du siehst heute aber schlecht aus!” und rieselt langsam in mich hinein.

Da lacht das Herz, die Sonne geht auf und das Glück ist auf meiner Seite. Bis jetzt habe ich mich ganz gut gefühlt, gesund und irgendwie normal.

„Nein, ich habe keine unheilbare Krankheit. Ja, ich habe etwas zu wenig geschlafen und habe viel zu tun. Nein, ich bin kein Alkoholiker und andere Drogen nehme ich auch nicht.“

„Nimm doch mal etwas zu oder ab, kaufe Dir neue Klamotten, tue etwas gegen oder für Deine Falten, Deine Körperhaltung, Deine Ausstrahlung.“ … kurzum, sei anders als Du bist und sieh vor allem anders aus.

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Warum nur wirft uns dieser kleine Satz manchmal direkt aus der Bahn?

Warum beginnt der Selbstzweifel an uns zu nagen und warum kann sich das ursprüngliche Gefühl des Wohlbefindens so schnell aus dem Staub machen?

Haben wir im Gegenzug vielleicht eine Verpflichtung übersehen,  uns entgegenkommende Person über ihr Aussehen zu informieren.

Multiple Choice in der äußeren Erscheinungswelt: Wie sieht er/sie ( in meinen Augen) aus?

  • Sehr gut (oh bitte nicht)
  • Geht so (naja)
  • Schlecht (jaaaaa bitte)

Schon kann abgefeuert werden: „Du siehst heute aber schlecht aus!“ gerne noch garniert mit einem mitfühlenden Sorgenblick.

Fragen wir uns: “Was würde ich damit bezwecken, wenn ich das momentane Erscheinungsbild meines Gegenübers in solche Worte kleide?”

“Wie könnte ich in Zukunft reagieren, wenn ich mit dieser Aussage erneut konfrontiert werde?”  Es soll ja nicht darum gehen, „Gleiches mit Gleichem zu vergelten“.

Oftmals überlegen wir in einer solchen Situation, in der diese Worte hart in unserem Bewusstsein aufschlagen, verzweifelt, warum wir nicht eine wirklich gute Antwort parat haben. Wir fühlen uns, auch durch unsere augenblickliche Sprachlosigkeit, herabgesetzt, möchten diesen Zustand korrigieren und sind dennoch gerade einfach nicht schlagfertig.

Macht nichts, später fallen uns viele Konter ein. Wir sind gut, lediglich nicht rechtzeitig geistreich.

Bemühen Sie Fremdgehirne, bitten Sie Ihre guten Freunde und Ihre Familie darum, sich mit Ihnen gemeinsam passende und gleichzeitig wertschätzende Antworten zu überlegen. Das wird auf jeden Fall eine lustige Runde.

In einer nächsten Situation können Sie auf dieses Repertoire zurückgreifen und gelassen reagieren. Sie werden es kaum abwarten können.